Sonntag, 5. Juni 2011

BARF Mythos #4: Nicht alle Nährstoffe im richtigen Verhältnis

Beim Thema Hundefütterung scheiden sich die Geister. Jeder Hersteller ist der Meinung, das beste Futter zu produzieren und jeder Tierarzt ist sich sicher, das beste Futter zu empfehlen. Dabei gerät immer wieder das Thema BARF in die Kritik. Es gibt eine Reihe von Mythen um diese Ernährungsform, die jedoch meist in das Reich der Märchen und Sagen gehören, aber dennoch oft von Kritikern aufgeführt werden.

BARF Mythos #4: Beim Barfen kann man nicht sicherstellen, dass alle Nährstoffe in jeder Mahlzeit im richtigen Verhältnis vorliegen, deswegen führt BARF zu Fehl-, Unter- oder Überversorgungen


Das ist eine Aussage, die gern von Futtermittelherstellern, aber auch von Tierärzten angebracht wird. Der Hund müsse in jeder Mahlzeit, jeden erdenklichen Nährstoff im exakt richtigen Verhältnis vorfinden. Dies könne nur mit Fertigfutter sichergestellt werden.

Offenbar scheint aber der Hund einzige Lebewesen auf dieser Erde zu sein, der in jedem Futterbrocken eine homogene Zusammensetzung vorfinden muss, denn weder wild lebende Hunde, noch der Wolf, noch Menschen ernähren sich auf diese Weise…

Man stelle sich vor, man müsste sich Sorgen machen, weil man zum Frühstück nur ein Müsli, mittags Spaghetti mit Tomtensoße und abends einen Salat gegessen hätte: zu wenig Protein, zu wenig Magnesium, zu wenig Calcium, ... Nein, man isst einfach am nächsten Tag zum Frühstück einen Joghurt mit einer Banane, mittags ein Steak mit Kartoffeln un Pilzen und abends einen Käseteller und schon sieht die Ernährungsbilanz über die zwei Tage schon ganz anders aus.

Einen Blick auf die Ernährung (unregelmäßige, oft einseitige Nahrungsaufnahme) des Wolfes, der so eng mit dem Haushund verwandt ist, dass insbesondere der Verdauungskanal nahezu identisch ist, spare ich mir an dieser Stelle. Denn ein Hund ist nun einmal kein Wolf. Der Energiebedarf ist geringer, die Lebensumstände sind völlig anders und ein Chihuahua sieht nun einmal gar nicht aus wie ein Wolf. Betrachten wir lieber ganz konkret den Haushund.


Die Ernährung des Hundes in der Vergangenheit

Irgendwann, vor tausenden von Jahren schloss sich der Wolf dem Menschen an und entwickelte sich zum Haushund wie wir ihn heute kennen. Man schätzt, dass es den Haushund  seit etwa 10.000 Jahren gibt.1 Das erste „Fertigfutter“ für Hunde wurde 1860 (Spratt's Patent Meat Fibrine Dog Cakes) entwickelt – also nicht bereits vor 10.000 Jahren. Bis in Industrieländern dessen flächendeckende Ausbreitung begann, vergingen noch einmal fast 100 Jahre, in machen Ländern sogar noch mehr...2 Wie hat der Hund es bloß geschafft, so viele tausend Jahre zu überleben, ohne dass er in jeder Mahlzeit alle Nährstoffe im optimalen Verhältnis vorfand? Wie konnte er nicht nur überleben, sondern sogar so ernährt werden, dass er als Arbeitstier (Schlittenhund, Jagdhund, Zugtier) große Leistungen erbringen konnte?

Nicht nur, dass es nicht alle Nährstoffe im richtigen Verhältnis vorlagen, es gab oftmals überhaupt nichts Gutes. Denn der Hund bekam Essensreste und diese entsprachen natürlich den Lebensbedingungen der damaligen Hundehalter – und die waren nun einmal oft sehr einfach. Kein Mensch achtete darauf, dass Hunde in jeder Mahlzeit alle Nährstoffe im optimalen Verhältnis vorfanden, auch wenn es bereits vor 3.000 Jahren Luxushunde gab, die ganze spezielle Mahlzeiten genießen durften.

Weder in meinem ältesten Hundebüchern (Walther Busack „Die Hunderassen in Wort und Bild“, 1943 oder Prof. Dr. W. F. Donath „Hunde – gesund ernährt“, 1960) noch in modernen, wissenschaftlichen Publikationen (Helmut Meyer/Jürgen  Zentek, „Ernährung des Hundes“, 2010) konnte ich die Anforderung  „alle Nährstoffe in jeder Mahlzeit im richtigen Verhältnis“ finden. Demzufolge scheint eine derartige Rationsgestaltung nicht nötig zu sein.

Zusammensetzung der Nahrung mit BARF

Man wird nicht in jeder BARF-Mahlzeit alle Nährstoffe im optimalen Verhältnis zusammenstellen können, aber das ist auch gar nicht nötig.

Bayo bekommt an dem meisten Tagen 300 g Muskelfleisch, 140 g Pansen, 100 g Innereien, 100 g fleischige Knochen, 150 g Gemüse, 50 g Fett, 0,9 g Seealgen, ein paar Nüsse/Samen, etwas Bierhefe und 1 EL Omega-3-6-Öl. Damit erhält er fast täglich einen Großteil aller wichtigen Nährstoffe, Energie und auch Ballaststoffe, die er benötigt.

Von bestimmten Nährstoffen gibt es an einigen Tagen mal mehr, mal weniger. So gibt es an manchmal 100 g Rinderleber (reich an Vitamin A) und dann wieder 100 g Rinderniere (reich an Selen), aber der Bedarf wird über einen Zeitraum von wenigen Tagen dennoch gedeckt.

Einige Kritiker selbst erstellter Futterrationen führen an, dass die stoßweise Deckung des Nährstoffbedarfs zu Problemen führen kann. Dabei nennen sie Beispiele wie ich es auf einer Website fand:

„Beispiel: Die Deckung des Calciumbedarfs über die stoßweise Verabreichung des 10-fachen Tagesbedarfs (z.B. durch Knochenfütterung) alle 10 Tage zu einer ansonsten calciumarmen Ration (mit vielleicht noch falschem Ca:P-Verhältnis) kann die hormonelle Mineralstoff-Regulation (Calcitonin, Parathormon, Cholecalciferol) im Körper aushebeln und die Verwertung anderer Elemente (Kupfer, Zink , die sowieso schon oft unterversorgt sind) behindern.“3

Was hat eine derartige Vorgehensweise mit BARF zu tun? Würde ich Bayo nur alle 10 Tage seine Knochenration geben, dann  müsste der arme Kerl fast 1 kg Knochen auf einmal fressen, was mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Verstopfung führen würde. Ebenso verhält es sich, wenn man die Innereien-Ration nur alle 10 Tage verabreichte, nur dass diese wahrscheinlich zu Durchfall führen würde. Würde ich Bayo nur alle 10 Tage seine Gemüseration kredenzen, ließe er vermutlich den gefüllten Napf stehen...

Es ist ganz und gar nicht die Idee von BARF, die Einzelbestandteile in derart großen Portionen auf derart lange Zeiträume zu verteilen. Die meisten Barfer füttern die Knochen- oder Innereienportion verteilt auf 3 Tage pro Woche, d. h. der Hund erhält nur an jedem zweiten Tag mal etwas mehr, mal etwas weniger Calcium, aber auf 2 Tage verteilt beträgt das Ca:Ph-Verhältnis wieder 1,5. Das ist einerseits überhaupt nicht mit dem düsteren Szenario zu vergleichen, welches im o.g. Zitat aufgezeigt wird und ist andererseits für einen Körper auch unproblematisch, da der nicht auf einen exakt kontinuierlichen Zufluss sämtlicher Nährstoffe angewiesen ist.


Fazit

Es ist gar nicht nötig, dass in jeder Mahlzeit, die ein Hund zu sich nimmt, alle Nährstoffe im optimalen Verhältnis vorliegen müssen. Daher spielt es auch keine Rolle, dass eine BARF-Mahlzeit nicht vollkommen homogen zusammengesetzt ist. Kein Tier auf dieser Welt ernährt sich auf diese Weise. Eher wird über eine abwechslungsreiche Ernährung ein ausgewogener Zufluss an Nährstoffen verteilt auf mehrere Mahlzeiten sichergestellt.


Weitere BARF-Mythen?

BARF-Mythos #1: zu viel Fleisch, zu viel Eiweiß
BARF-Mythos #2: Barfen sei zu teuer
BARF-Mythos #3: Rohes Fleisch macht Hunde krank
BARF-Mythos #5: Fleisch macht Hunde aggressiv

http://www.amazon.de/gp/product/3000496327/ref=as_li_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=6742&creativeASIN=3000496327&linkCode=as2&tag=w002-21&linkId=CMRYTDYO6UR4FLJH

_______________________
1 Ziemen, E. (2010): "Der Hund", S. 125.
2 Thurston, M.E. (1996):  „The Lost History of the Canine Race“, S. 235 ff.
3 http://www.heiltierarzt.de/hunde-katzen-richtige-ernaehrung/barfen-biologisch-artgerechte-rohfuetterung.htm

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Die Kommentare auf diesem Blog werden moderiert, d. h. sie werden gegebenenfalls nicht freigeschaltet. Werbliche Kommentare (z. B. mit Links) werden generell nicht erlaubt, ebenso wenig wie beleidigende, rassistische oder verfassungswidrige Inhalte. Solange Beiträge, auch kritische, sachlich vorgebracht werden, erfolgt eine Freischaltung. Diese kann bis zu 24 h dauern.