Freitag, 19. Mai 2017

BARF und NRC-Bedarfswerte – die Quadratur des Kreises

Hundehalter, die gern barfen möchten und gleichzeitig darauf bestehen, dass das Futter sämtliche wissenschaftlichen Bedarfswerte erfüllt, stehen vor einem Problem. Denn BARF (siehe Defintion) ist nicht bedarfsdeckend nach NRC! Man kann es drehen und wenden wie man will: An irgendeiner Stelle fehlt es immer. Im Prinzip werden die NRC-Werte gedeckt, aber egal, welche Nahrungsmittel man einsetzt und wie ausgeklügelt das Menü auch ist, ein BARF-Plan für einen erwachsenen Hund erfüllt niemals den Zink- und Manganbedarf nach NRC! Alle anderen Werte schon, aber diese beiden Werte nie! In BARF-Plänen für Welpen fehlt es rechnerisch zusätzlich noch an Calcium und Phosphor. Bei diesen NRC-Bedarfswerten werden meist nur 50 % Deckung mit BARF erreicht. Eine dramatische Unterversorgung! Oder doch nicht?

Bedarfsdeckung unmöglich?

Es ist also nicht möglich, mit einer Fütterung natürlicher Lebensmittel, die sich am Aufbau eines Beutetiers orientiert (also BARF), den NRC-Bedarf bei diesen lebensnotwendigen Nährstoffen zu decken? Das erscheint bizarr, denn abgesehen von Hunden ernähren sich die anderen 269 Arten von Raubtieren alle samt von Beutetieren. Wie kann das nicht bedarfsdeckend sein? Wie erreichen Anbieter von Fertigfutter oder so manche Rohfutter-Ration, die nicht dem Beutetierkonzept folgt, eine NRC-Bedarfsdeckung, wenn das mit Lebensmitteln nicht möglich ist? Natürlich mit „ernährungsphysiologischen Zusatzstoffen“. Ohne geht es faktisch nicht.

Wer barft, verzichtet allerdings auf eine solche Supplementierung und vertraut darauf, dass es möglich sein muss, den Bedarf des Hundes mit dem zu decken, was er im Beutetier vorfindet, weil das vor der Einführung von Fertigfutter oder synthetischen Zusätzen auch funktionierte. Und das zieht eben nach sich, dass die Bedarfswerte nach NRC nicht alle gedeckt werden. Dem routinierten Barfer ist das egal, BARF-Anfängern macht das aber Angst, zumal sie von Supplementherstellern und deren Vertriebsassistenten mit Hilfe von Berechnungsprogrammen, die vermeintliche Unterdeckungen aufzeigen, verunsichert werden. Wie also ist zu erklären, dass so viele gebarfte Hunde dennoch gesund sind?

NRC-Bedarfswerte gelten für Fertigfutter!

Die Erklärung hierfür liegt in den Bedarfswerten selbst. Das NRC (National Research Counsil) ist eine Organisation aus den USA, die wissenschaftliche Studien zusammenträgt und daraus Bedarfswerte für verschiedene Spezies ableitet. Die Intention besteht nicht darin, Barfern ein Rechenwerk an die Hand zu geben, sondern Herstellern von Fertigfuttern Bedarfswerte zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grund orientieren sich die Bedarfswerte an der Zusammensetzung eines kommerziellen Fertigfutters und nicht an BARF. Schaut man sich die Erläuterungen des NRC genauer an und liest nicht nur die Übersichtstabellen, so wird klar, warum ein gebarfter Hund z. B. nicht so viel Zink benötigt wie ein Hund, der Fertigfutter bekommt.

Bei der Aufnahme von Nährstoffen kommt es darauf an, wie gut diese vom Körper verwertet werden können (siehe Bioverfügbarkeit). Entscheidend ist also, welcher Prozentsatz des aufgenommenen Zinks vom Hund auch wirklich absorbiert werden kann. Die Zinkaufnahme wird dabei durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Einmal durch die Herkunft des Zinks (tierisch vs. pflanzlich, organisch vs. anorganisch), durch das Vorhandensein s. g. antinutritiver Substanzen wie z. B. Phytat, die die Aufnahme von Zink stören und durch die Gesamtzufuhr.

Aus diesem Grund merkt das NRC zum Zink-Bedarfswert auch folgendes an:
„Die Absorption von Zn in der Nahrung ist weitgehend vom Vorhandensein anderer Substanzen in der Ernährung abhängig, die die Bioverfügbarkeit verändern. Die meisten Tierprodukte [ ...] sind frei von Bestandteilen, die die Zn -Absorption beeinflussen und [ ...] Aminosäuren, die aus der Fleischverdauung stammen, verbessern außerdem die Aufnahme von Zn. Pflanzliche Produkte neigen eher dazu, Stoffe zu enthalten, die die Zn-Absorption beeinflussen, die wichtigste davon ist Phytat. Phytat ist in vielen pflanzlichen Quellen wie Getreide wie Mais, Weizen und Reis und Ölsatenschrot wie Soja, Erdnuss und Sesam, welche 1,5 % oder mehr Phytat enthalten. Phytat in der Nahrung ist seit langem dafür bekannt, die Absorption von Zn zu reduzieren, und dieser Effekt wird durch hohe Konzentrationen Ca in der Nahrung verstärkt.“[1]
Betrachtet man nun das Labor-Futter-Zusammensetzung aus der Studie zur Ermittlung des NRC-Bedarfswerts, wird klar, warum ein gebarfter Hund trotz eines augenscheinlich lebenslangen, 50 %-igen Zinkmangels keine Mangelerscheinungen zeigt. Die Zusammensetzung eines Studien-Futters für den Welpenbedarfswert[2] für Zink zeigt, auf welche Art Futter dieser zugeschnitten ist[3]:
Sojamehl: 40 g
Maiskörner: 35 g
Zucker: 10 g
Schmalz: 10 g
Vitaminmischung: 1 g
Zink: 4 g
Calcium: 0,3–2 g
Dem Verbraucher ist eine solche Mischung vielleicht besser bekannt als: Getreide (u. a. 4 % Mais), pflanzliche Nebenerzeugnisse, Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (u. a. 4 % Gans), Saccharose, ernährungsphysiologische Zusatzstoffe.

Für ein solches Futter gilt der NRC-Bedarf für Zink, nicht für BARF. So ein Futter ist im Prinzip das Gegenteil von BARF. Es beinhaltet fast ausschließlich pflanzliche Bestandteile, liefert gar kein tierisches Protein und enthält zudem noch große Mengen (75 % des Futters) an Phytat-Lieferanten (Mais und Soja), die dafür bekannt sind, die Zinkaufnahme zu stören. Das NRC geht für den Zink-Bedarfswert bei Hunden daher von einer Bioverfügbarkeit von nur 25 % aus. Der Bedarfswert von 1 mg pro kg Körpergewicht berücksichtigt also, dass nur 0,25 mg davon auch aufgenommen werden können, der Rest ist wegen des Phytat-Gehalts der Nahrung und der „falschen“ Zinkquelle nicht verfügbar. Diese Fakten sind übrigens auch der Grund dafür, dass menschliche Vegetarier einen um 50 % erhöhten Zink-Bedarf im Vergleich zu Fleischessern haben – man geht aufgrund des hohen Phyatgehalts und des pflanzlichen Zink-Ursprungs einfach von einer schlechteren Bioverfügbarkeit aus.[4] Angenommen, man geht beim Hund genauso vor wie im Humanbereich und nimmt bei fleischbasierter Nahrung wie BARF, die kaum Phytat enthält und Zink aus tierischen Quellen liefert, eine doppelt so hohe Bioverfügbarkeit an: Dann sinkt der Bedarfswert um die Hälfte. Damit ist der eigentliche Zink-Bedarf mit BARF problemlos gedeckt – auch ohne synthetische Zusatzstoffe. Im Übrigen führt die Betrachtung der Studien zum Calcium-, Mangan- und Phosphorbedarfswert zum gleichen Ergebnis. Das ist der Grund, warum sich ein Barfer nicht mit solchen Supplementen herumschlagen muss, sondern sich das Geld einfach spart.

Ein Blick in die Geschichte bis heute

Wem das zu kompliziert erscheint, dem hilft vielleicht ein geschichtliches Szenario: Hundezucht in der DDR. Nicht, weil früher alles besser war, sondern weil sie sich als riesigen, lang angelegten Feldversuch betrachten lässt. Isoliert vom Rest der Welt, fast 40 Jahre strikt getrennt durch eine Mauer, aber dennoch direkt nebenan und noch nicht so lange her, wird hier ein Blick auf Generationen von Hunden ermöglicht, die unter einem dauerhaften, massiven Zink- und Manganmangel und in der Welpenzeit auch unter einem Calcium- und Phosphormangel litten – zumindest im Hinblick auf NRC-Bedarfswerte. Denn in der DDR gab es nicht nur keine Bananen, es gab auch kein Fertigfutter. Zwar war seit den 70er Jahren das Pelletfutter Bello und auch ein Konservenfutter namens Laika, später umbenannt in Goldy, auf dem Markt, aber diese waren ungefähr so oft erhältlich wie Südfrüchte oder echte Jeans – nämlich selten oder nur mit „Beziehungen“. Das führte dazu, dass viele DDR-Tierhalter gar nicht wussten, dass es überhaupt Hundefutter gab. Mindestens zwei Generationen von Züchtern und Tierhaltern versorgten also 40 Jahre lang wenigstens 20 Generationen von Hunden aller Rassen mit Schlachtabfällen und Essensresten. Rezepturen für ausgewogene Mischungen wurden meist vom Züchter an den Welpenkäufer weitergegeben. Natürlich gab es auch in der DDR entsprechende Fachliteratur mit Vorschlägen zur Rationsgestaltung, allerdings enthielten diese die s. g. „Mineralstoffmischung für Kleintiere“, die in den 70er Jahren auf den Markt kam. Das Problem damit war, dass diese, genau wie das Fertigfutter, nicht durchgängig oder eben gar nicht verfügbar war. Daher war sie vielen Hundehaltern ebenfalls völlig unbekannt und sie mussten ohne sie auskommen. Es gab natürlich auch in der DDR Vorgaben zu Bedarfswerten, aber diese unterschieden sich teilweise stark von den NRC-Bedarfswerten: So wurde der Zinkbedarf für erwachsene Hunde mit 0,11 mg pro kg Körpergewicht angegeben[5], was in etwa nur 1/15–1/6 des heute gültigen NRC-Bedarfswerts entspricht. Dieser Wert ist mit einer Fütterung natürlicher Zutaten sehr leicht zu erreichen.

Die unmittelbaren Folgen eines Zink-Mangels sind vor allem Haut- und Fellprobleme sowie Immunschwäche, aber auch Fruchtbarkeitsstörungen. Bei einem 50%-igen Zinkmangel – über 20 Generationen von Hunden hinweg – müssten diese deutlich zu Tage treten. Die Fruchtbarkeitsstörungen allein hätten bei einem so starken Mangel dazu führen müssen, dass eine Zucht nicht möglich gewesen wäre. Die Tiere wären außerdem häufig krank gewesen und hätten schlechtes Fell gehabt. Das hätte mangels adäquater Zinkversorgung nach NRC schließlich ein flächendeckendes Problem sein müssen. Es wären also "Dank der Mauer" und des draus resultierenden Versorgungsproblems sämtliche Hunde in der DDR davon betroffen gewesen. War dem so? Natürlich nicht!

Selbstverständlich gab es in der DDR auch kranke Tiere und Mangelerscheinungen traten ebenfalls auf (wenn z. B. gar keine Calciumquelle gefüttert wurde), aber einen Massenmangel an Zink gab es offensichtlich nicht, das hätte sich vor dem Hintergrund der o. g. Mangelerscheinungen in 40 Jahren bemerkbar machen müssen. Sämtliche Hunde wären spätestens nach einigen Generationen absolut degeneriert gewesen. Aber die DDR-Hunde gediehen offensichtlich auch ohne Zinksupplementation prächtig. Die Deutschen Schäferhunde aus DDR-Linien beispielsweise galten als äußert robust, sportlich und ihren Artgenossen in der BRD in Sachen Gesundheit als überlegen. Das Fell glänzte, die Tiere waren fit und langlebig. Nach der Wende wurden die DDR-Züchter daher förmlich überrannt und noch heute suchen Interessenten gezielt nach Hunden aus diesen Zuchtlinien. Trotz des dauerhaften massiven Zinkmangels nach NRC bei Generationen von Hunden...

In der BRD war die Versorgungslage natürlich eine andere: Fertigfutter und auch Ergänzungsfuttermittel waren erhältlich. Aber längst nicht jeder Hundehalter setzte sie ein. Die damaligen Fütterungsempfehlungen für selbsterstellte Rationen sahen nicht unbedingt eine Zinksupplementierung vor. Eine der Fachliteratur zu entnehmende Rationsgestaltung sah für einen Hund in Schäferhundgröße folgendermaßen aus [6]:

100 g Kuhmilch
300 g mageres Rindfleisch
150 g Reis
 25 g Fett
 20 g Knochenmehl

Gefolgt vom Hinweis, die Fütterung solle abwechslungsreich erfolgen. Eine solche Zusammenstellung deckt 40% des Zinkbedarfs. Ganz nebenbei fehlt es dieser Ration dann auch an Magnesium, Kalium, Eisen, Kupfer, Mangan, Iod, Selen, Vitamin B1, B1, B12, B5, D und E sowie Folsäure und Linolsäure - zumindest wenn man NRC-Bedarfswerte ansetzt. Demnach müssten sämtliche Tiere, die so gefüttert wurden, früher oder später Symptome einer Mangelernährung gezeigt haben. Offensichtlich war das aber kein flächendeckendes Problem.

Im Übrigen sehen die veterinärwissenschaftlichen Empfehlungen für eine Rohfütterung auch heute noch keine Zink-Supplementierung vor. Ein Rationsvorschlag von Prof. Zentek für einen 30 kg Hund lautet [7]:

262 g Schaffleisch, Kotelett
114 g Leber, Schaf
114 g Gemüse
 34 g Öl
2,5 g jodiertes Salz
 19 g Kalbsknochen

Mit dieser Ration wird etwa 50 % des Zinkbedarfs nach NRC gedeckt. Auch dieser Ration fehlt es weiterhin rein rechnerisch an Magnesium, Mangan, Vitamin D und Vitamin B1. Dennoch gehen die Wissenschaftler hier von einer bedarfsdeckenden Ration aus, womit sie auch Recht haben, denn in der Praxis erleiden Hunde bei solch einer Fütterung keinen Mangel.

BARF ist natürlich bedarfsdeckend, nur nicht nach NRC

Wie ist das zu erklären? Wohl nur damit, dass es doch möglich ist, den wahren Bedarf an Zink, Mangan, Calcium und Phosphor mit natürlichen Futtermitteln zu decken – nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft. Den NRC-Bedarf vielleicht nicht, aber darauf kommt es eben nicht an. Auf BARF trifft das ebenso zu, denn als Grundlage für diese Form der Ernährung dienen ebenfalls Schlachtabfälle. Zusätzlich orientiert sich BARF noch am Aufbau eines Beutetiers. Diese Fütterung ist aus Nährstoffversorgungssicht sogar noch ausgeglichener und vielfältiger als das, was die Hunde in der DDR, in der Vieles Mangelware war, im Napf hatten. Wie könnte es anders sein, als dass die Nährstoffe, die im Beutetier vorhanden sind, auch tatsächlich ausreichen, um einen Beutefresser wie den Hund gut zu versorgen? Deswegen zeigen richtig gebarfte Hunde ihr Leben lang keine Mangelerscheinungen, ohne synthetische Supplemente. Zink, Mangan oder auch Calcium oder Phosphor zu ergänzen, ist sicherlich getreide- oder sojareichen Rationen sinnvoll, aber beim Beutetierkonzept eben nicht nötig.

Meist enthalten diese Zusätze nämlich auch leider nicht nur die Nährstoffe, die Ration nach NRC fehlen würden, sondern auch noch weitere Mineralstoffe, synthetische Vitamine und Füllstoffe. Ergänzt man einen normalen BARF-Plan mit einem solchen Produkt, führt man also auch Vitamine und Mineralstoffe zu, die bereits in mehr als ausreichender Menge im Futter vorhanden sind. Es darf nicht unterschätzt werden, dass eine zu hohe Dosierung bestimmter Nährstoffe, s. g. sekundäre Nährstoffmängel erzeugen kann. Führt man z. B. mehr Zink zu als wirklich notwendig, wird dadurch die Kupferaufnahme gestört.

Kostenlos sind die Mischungen natürlich auch nicht. Zudem enthalten sie meist noch nicht einmal die optimal verfügbaren Mineralstoffverbindungen: An Stelle von organischem Zink-Picolinat oder –citrat wird z. B. häufig das billigere, aber weniger gut verwertbare anorganische Zink-Oxid eingesetzt. Auch von natürlichen Vitaminen kann meist keine Rede sein: Statt natürlichem Vitamin E (RRR-Alpha-Tocopherol) wird einfach die billige synthetische Variante (DL-Alpha-Tocopherol) verwendet. Man fragt sich, wieso...?

Ergänzungspräparate für Zink, Mangan oder auch Calcium und Phosphor sind sinnvoll, wenn der Rationsaufbau nicht dem Beutetier-Konzept entsprechen kann, aber für einen gebarften Hund waren sie noch nie notwendig, denn bei BARF geht es nicht darum, NRC-Bedarfswerte zu erfüllen. Es geht darum, das Tier mit allen notwendigen Nährstoffen zu versorgen, welche es für ein gesundes Leben braucht. Und das geht offensichtlich auch ohne eine Erfüllung sämtlicher NRC-Bedarfswerte…


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[1] NRC (2006): Nutrient Requirements of Dogs and Cats, S. 174, Übers. d. Verf. Original-Auszug:
"The absorption of dietary Zn is largely a function of other substances in the diet that alter its bioavailability. Most animal products [...] are free of constituents that interfere with Zn absorption and […] amino acids derived from meat digestion may actually improve the absorption of Zn. Vegetable products are more likely to contain chemicals that interfere with Zn absorption, the most notable of these being phytate. Phytate is present in many plant sources including cereals such as corn, wheat, and rice and oilseed meals such as soy, peanut, and sesame, which may containing 1.5 percent or more phytate. Dietary phytate has long been known to reduce the absorption of Zn, and this effect is exacerbated by high concentrations of dietary Ca."
[2] Aus den Angaben des NRC zum Zinkbedarfswert erwachsener Hunde lässt sich dies nicht nachvollziehen, da die Studien, die angegeben werden, sich entweder gar nicht mit ausgewachsenen Hunden oder nicht mit dem Zinkbedarfswert beschäftigen (?).
[3] Robertson, B., Burns, M. (1963): „Zinc metabolism and the zinc-deficiency syndrome in the dog”
[4] NRC (2006): Dietary Reference Intakes: The Essential Guide to Nutrient Requirements, S. 344.
[5] Grünbaum, E. G. (1982): Ernährung und Diätetik von Hund und Katze, S. 42.

[6] Donath, W. F. (1971): Hunde - gesund ernährt, S. 131.
[7] Zentek, J., Paßlack, N. (2013): Rohfütterung (BARF) bei Hund und Katze: Möglichkeiten, Risiken und Probleme, S. 27.

Dienstag, 9. Mai 2017

Die Jahresimpfung – eine unendliche Geschichte?

Vor einigen Wochen erschien wie üblich meine zweiwöchentliche Kolumne „Des Pudels Kern“ in der Sächsischen Zeitung und der Freien Presse. Diesmal drehte sie sich um das Thema „Jährliche Impfung beim Hund“. Normalerweise veröffentliche ich die Kolumne nicht auf meinem Blog, aber da der Artikel dazu führte, dass sich ein Veterinär bei der Tierärztekammer darüber beschwerte, stelle ich sie gern auch noch einmal einem größeren Publikum zur Verfügung.

Warum der Inhalt der Kolumne kritisiert wurde, bleibt unklar. Es handelt sich schließlich nicht um Anti-Impf-Propaganda. Abgesehen von einer kritischen Ummantelung mit meiner persönlichen Meinung zum Thema, ist der Inhalt geradezu harmlos. Er ruft weder zum totalen Impfboykott auf, noch gibt er strittige oder ungewöhnliche Impfempfehlungen wider. Ganz im Gegenteil: Er listet im Prinzip nur die aktuell gültigen Impfempfehlungen der Stiko Vet auf, die auch seitens des Verbandes praktizierender Tierärzte an die Mitglieder weitergegeben werden. Es handelt sich also um Leitlinien (hier zu finden), die den Veterinären von ihrem eigenen Verband nahegelegt werden. Sich als Tierarzt darüber zu beschweren, wirkt sehr befremdlich. Aber lesen Sie selbst:

Jährlich impfen?
Für die meisten Hundeimpfstoffe ist das Jahresintervall längst überholt

Gehören Sie auch zu den Hundehaltern, die ihren Vierbeiner noch immer jährlich gegen 3, 5 oder gar 11 verschiedene Krankheiten impfen lassen? Haben Sie sich mal gefragt, ob das wirklich notwendig ist? Schließlich kostet die jährliche Impfung Geld und eine Impfung hat – wie jedes andere Medikament auch – potenzielle Nebenwirkungen. Auch ich hatte mir darüber nie Gedanken gemacht bis ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass einige Impfungen unnötig sind und andere eine wesentlich längere Wirkdauer aufweisen als mir bis dahin suggeriert wurde. Schließlich hatte ich jährlich eine Impferinnerung vom Tierarzt bekommen. Versäumte ich den Termin um einige Tage, wurde ich natürlich gerügt. Die Ermahnungen der Tierärzte reichten von „Ihr Tier ist jetzt nicht mehr geschützt und wird an Staupe sterben!“ bis hin zu „In Deutschland herrscht eine Impfpflicht, Sie haben sich strafbar gemacht!“. Ahnungslos wie ich war, nahm ich mir die Warnungen zu Herzen. Offensichtlich war das nicht nötig: Immunologen zweifelten schon in den 1970er Jahren an, dass Hundeimpfstoffe nach 365 Tagen ihre Wirkung verlieren und daher jährliche Wiederholungsimpfungen unabdingbar seien. Mittlerweile weiß man, dass die Wirkdauer wesentlich länger ist: Für fast alle s. g. Core-Impfungen - das sind jene, die als notwendig angesehen werden - wurde in Studien eine Immunitätsdauer von mindestens 7 Jahren nachgewiesen. Der Verfall nach einem Jahr ist also Unsinn. Auch die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission Vet (Stiko Vet) sehen für fast alle Krankheiten kein jährliches Impfintervall mehr vor. Je nach Impfstoffhersteller reicht bei Tollwut nach einer einzigen Impfung im Welpenalter eine Wiederholung alle 3 Jahre aus. Auch gegen Parvovirose, Hepatitis und Staupe genügt das 3-jährige Intervall nach abgeschlossener Grundimmunisierung. Nur die Impfung gegen Leptospirose ist jährlich vorgesehen, wobei die Stiko bei den neuen Impfstoffen auf die starke Zunahme von Nebenwirkungen wie etwa Gelenkerkrankungen oder Anämien hinweist. Bei dieser Impfung gilt auch zu bedenken, dass die Impfung keine s. g. Kreuzimmunität erzeugt. Das bedeutet, sie schützt nicht gegen alle Erregertypen, die die Krankheit auslösen können. Das führt dazu, dass Hunde trotz Impfung an Leptospirose erkranken. Die Impfung gegen andere Krankheiten wie z. B. Borreliose oder Zwingerhusten erzeugt ebenfalls keine Kreuzimmunität und wird von der Stiko Vet nur unter bestimmten Umständen empfohlen, zählt also nicht zu den Core-Impfungen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein 3-jähriges Impfintervall für Tollwut, Staupe, Hepatitis und Parvovirose ausreicht und die jährliche Impfung nur bei Leptospirose überhaupt vorgesehen ist. Wobei deren Wirksamkeit aufgrund fehlender Kreuzimmunität fraglich ist. Eine Impfpflicht existiert übrigens nicht, auch nicht für Tollwut. Ein Tier ist nur mit einer gültigen Impfung nach der Tollwutverordnung bei Kontakt mit seuchenverdächtigen Tieren bessergestellt. Ein Kontakt ist aber nicht besonders wahrscheinlich, da Deutschland seit Jahren tollwutfrei ist. Warum also wird öfter geimpft und wieso werden Ammenmärchen hinsichtlich einer 1-jährigen Wirkdauer oder einer Impfpflicht verbreitet? Vielleicht, weil Hundeimpfstoffe etwa 50 % des Tierimpfstoffmarktes ausmachen? Es scheint ein einträgliches Geschäft zu sein…

Da bereits diese Darstellung kritisch gesehen wird, ergänze ich an dieser Stelle meine persönliche, wesentlich restriktivere Meinung zur Notwendigkeit wiederholter Impfungen. Bereits 2012 hatte ich zum Thema Impfungen einen Blogbeitrag verfasst (zum Artikel). In den vergangen Jahren gab es allerdings eine Änderung der Impfempfehlungen der Stiko Vet und auch meine eigenen Erfahrungen haben zu einer Anpassung meines Impfschemas für die Hunde geführt.

Mein persönliches Impfschema

1. Lebensjahr

  • 1 Impfung gegen Staupe, Parvovirose, Hepatitis nach Titertest im Welpenalter
  • 1 Impfung gegen Tollwut nach der Zahnung

2. Lebensjahr bis zum Tod

  • Keine weitere Impfung

Ja, mehr ist es nicht. Es weicht von den Leitlinien der Stiko Vet ab, ja, aber orientiert sich an den Empfehlungen von Prof. Ronald Schultz. Getreu der Devise: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Früher habe ich das anders gehandhabt, aber wo kämen wir denn hin, wenn es stets hieße: "Das haben wir schon immer so gemacht?"

Warum ich so impfe

Aufgrund der wissenschaftlich belegten Langzeitwirkung der Staupe- (15 Jahre), Parvovirose- (9 Jahre), Hepatitis-Impfung (9 Jahre) und der Tatsache, dass Deutschland tollwutfrei ist und meine Hunde nicht im Ausland unterwegs sind, lasse ich meine Hunde nur noch einmal im Leben gegen diese Erkrankungen grundimmunisieren. Sie sind also geschützt und nicht völlig ungeimpft! Dabei verstehe ich unter einer Grundimmunisierung keine Welpen-Booster-Impfung im Vier-Wochen-Takt mit abschließender Impfung im 15. Lebensmonat, sondern eine einmalige Impfung im Welpenalter nach einem Titertest (Staupe, Parvovirose, Hepatitis) bzw. nach der Zahnung (Tollwut). Es gibt keine einzige Studie, die belegt, dass der Impfschutz gegen diese Erkrankungen nach 3 Jahren endet – ganz im Gegenteil, Untersuchungen beweisen die bereits erwähnte langjährige Immunität.

Da ich mit meinen Hunden keine Auslandsaufenthalte vornehme und keine Ausstellungen besuche und Deutschland seit über 10 Jahren als tollwutfrei gilt, erspare ich ihnen auch die Tollwut-Impfung alle 3 Jahre. Wozu soll ich also den Körper meiner Hunde und meine Brieftasche alle 3 Jahre mit unnötigen Impfungen belasten? Nach jeder Impfung zeigten meine Hunde bisher Nebenwirkungen, die ich kostspielig untersuchen und behandeln lassen musste (z. B. einwöchiger Durchfall, Geschwulstbildung – Verdacht auf Impfsarkom). Außerdem leidet mein Cavalier unter einer Allergie und kranke Tiere dürfen laut Beipackzettel ohnehin gar nicht geimpft werden – ein Umstand, der so gut wie immer ignoriert wird.

Gegen Leptospirose und Zwingerhusten (sowie Borreliose) lasse ich gar nicht impfen. Borreliose ist bei Hunden sehr selten und im Falle des Falles in der Regel gut behandelbar. Auch Zwingerhusten ist meist von milden Verläufen gekennzeichnet. Und die Impfung wird von der Stiko Vet ohnehin nur für Tiere mit erhöhter Infektionsgefahr empfohlen – das trifft auf uns nicht zu. Bei der Leptospirose-Impfung sehe ich vor allem die Gefahr, dass der Impfstoff als sehr nebenwirkungsträchtig gilt (siehe oben) und er eine falsche Sicherheit vermittelt. Im Erkrankungsfall bleibt die Leptospirose möglicherweise unentdeckt, weil angenommen wird, das Tier sei durch die Impfung geschützt. Diese Impfstoffe schützen eben nicht gegen alle Erregerarten und daher auch nicht sicher vor einer etwaigen Erkrankung. Wozu impfen lassen, wenn der Hund trotzdem erkranken kann?

Bei allen drei genannten Erkrankungen ist das Auslassen der Impfung eine persönliche Entscheidung nach eigener Risikoabwägung: Ja, es gibt auch schlimme Verläufe von Borreliose und Zwingerhusten. Und ja, Leptospirose kann eine sehr gefährliche Erkrankung sein. Aber, wenn die Impfung ohnehin keine Kreuzimmunität erzeugt (das Tier also trotz Impfung erkranken kann) und gerade diese Impfstoffe als ausgesprochen nebenwirkungsträchtig gelten, ist das für mich das wesentlich geringere Risiko. Ich sorge lieber vor und versuche, den Erregerkontakt grundsätzlich zu vermeiden, indem ich den Kontakt zu Zecken minimiere (Borreliose), die Tiere nicht aus Pfützen trinken lasse (Leptospirose) und von unbekannten Artgenossen oder Massenhundeveranstaltungen (Zwingerhusten) fernhalte. Damit reduziere ich das Risiko einer Erkrankung. Insgesamt sorge ich auch für ein stabiles Immunsystem bei meinen Tieren, indem ich sie artgerecht ernähre und vor allem auf Darmgesundheit großen Wert lege. Das ist alles kein Garant dafür, dass meine Hunde niemals an den genannten Erkrankungen leiden werden, aber das wäre eine Impfung schließlich auch nicht...

Informationen zum Thema Hundeimpfung

Ob, wie oft und wogegen geimpft wird, ist und bleibt eine individuelle Entscheidung. Eine Impfpflicht existiert nicht! Das heißt nicht, dass Impfungen nutzlos sind oder gar nicht geimpft werden sollte. In manchen Situation sind bestimmte Impfungen sogar vorgeschrieben, z. B. wenn man ins Ausland reisen oder bestimmte Hundeveranstaltungen besuchen möchte. Dafür genügt aber der gültige Eintrag im Impfausweis (und dafür muss man eben nicht jährlich alles impfen lassen - siehe Leitlinien der Stiko Vet).

Die Entscheidung, ob, wogegen und wie oft geimpft wird, liegt aber beim Tierhalter, der sich über das Thema gut informieren sollte. Sich beim Thema Impfung allein auf die „unabhängige“ Beratung durch einen Tierarzt verlassen zu wollen, ist vor dem Hintergrund der in der Praxis häufig vorkommenden jährlichen Impfintervalle für alle Erkrankungen, offensichtlich nicht ausreichend. Trotz längst angepasster Impfschemata wird in den Praxen noch immer zu oft und auch zu viel geimpft. Über Sinn und Unsinn dieser Maßnahmen wird nicht diskutiert. Über etwaige Nebenwirkungen wird so gut wie nie aufgeklärt. Leider werden tatsächlich die Leitlinien der Stiko Vet vielerorts nicht berücksichtigt. Es wird eben nicht nach abgeschlossener Grundimmunisierung nur noch alle 3 Jahre gehen Staupe, Hepatitis, Parvovirose und Tollwut und nur Leptospirose jährlich geimpft, sondern oftmals erfolgt eine 5-fach-Impfung im Jahrestakt. Auch werden Non-Core-Impfungen verabreicht, ohne auf deren Notwendigkeit unter besonderen Umständen hinzuweisen.

Wir lesen hundert Testberichte im Internet, bevor wir uns ein Smartphone kaufen – aber wenn es um die Gesundheit des geliebten Vierbeiners geht, sind wir quasi ahnungslos und verlassen uns auf das, was der „Verkäufer“ uns rät. Aus diesem Grund sollte sich jeder Tierhalter selbst zu diesem Thema belesen. Die Autorin Monika Peichl hat dazu ein fantastisches Buch (hier geht´s direkt zum Buch) veröffentlicht. Für 5,67 Euro kann jeder ein Exemplar erwerben und sehr gut recherchierte, sachliche Informationen zum Thema vorfinden. Mit Hilfe dieser kann sich jeder Hundehalter ein für das Haustier passendes Impfschema herleiten. Leider ist das Buch nicht mehr als Printausgabe erhältlich, sondern nur noch für Kindle-Geräte. Aber es gibt eine kostenlose App bei Amazon (oder im App Store, Google Play), mit Hilfe derer man das Buch an jedem PC, Tablet oder Smartphone lesen kann.