Schuster bleib bei deinem Leisten…

Jeder kennt dieses alte Sprichwort: Man solle sich nicht auf einem Gebiet betätigen, von dem man nichts versteht. Einige Menschen oder besser Zusammenschlüsse von Unternehmen – Konzerne – scheinen von diesem Sprichwort jedoch noch nie etwas gehört zu haben. Und so kam es dazu, dass ein Süßwarenkonzern auszog, um den Hundebesitzern die Fütterung von Hunden zu lehren …

Wer kennt sie nicht: M&Ms, Milky Way und Snickers? Aber haben Sie gewusst, dass der Hersteller dieser Produkte, nämlich der Konzern MARS, auch den Fressnapf vieler Hunde füllt? Ja, Pedigree, Chappi, Frolic und Loyal werden von einem „hoch spezialisierten“ Futtermittelproduzenten hergestellt. Hoch spezialisiert? Ja, und zwar auf einfallsreiches Marketing! Wie auch Procter & Gamble (Eukanuba), Colgate-Palmolive (Hill’s) und Nestlé (Bonzo, Matzinger) gibt MARS Millionen von US Dollar (und auch andere Währungen) dafür aus, um bestimmte Marken möglichst nachhaltig in unseren Köpfen zu verankern. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, solange man das Marketing als Vermittler zwischen einem Unternehmen und den Verbrauchern versteht, welches korrekte Informationen anschaulich aufbereitet. Dies und andere Aufgaben erfüllt das Marketing seit jeher. Es ist die ureigenste Aufgabe des Marketings, Bedürfnisse zu kreieren und zu steuern. Was die meisten Verbraucher jedoch wohl nicht mögen dürften, ist, wenn sie durch Informationen zum Kauf eines Produktes bewegt werden, die vielleicht nicht aus jedem Blickwinkel korrekt sind. (siehe auch das Vorgehen von P&G im Falle Eukanuba Wild Nature)

Aber werfen wir mal einen Blick auf die Vorgehensweise, die die MARS-Marketingabteilung im Hinblick auf das Hundefutter „Pedigree“ wählt, und setzen wir diese mit dem Produkt Pedigree Leichte Verdauung für große Hunde in Verbindung. Im Folgenden werden Inhalte der Website www.pedigree.de - wie sie am 13.05.2010 veröffentlicht waren - als Zitat gekennzeichnet, indem sie immer in Anführungszeichen gesetzt sowie grafisch hervorgehoben werden.

Pedigree verspricht dem Verbraucher unter anderem, dass das Hundefutter...

„100% ernährungsphysiologisch komplett“
sei, denn das Futter enthielte zu 100% das, was ein Tier für ein gesundes „Hundelieben“ benötige. Die Produkte seien
„perfekt auf die Bedürfnisse von Hunden abgestimmt.“
Das klingt gut. Sehen wir weiter. Hunde stammen vom Wolf ab und während der Domestikation blieb gerade der Verdauungstrakt fast unberührt.1 Sie haben also den Verdauungstrakt eines Karnivoren, welcher naturgemäß auf die Verwertung von Beutetieren spezialisiert ist. Werfen wir also einen Blick auf die Zusammensetzung von Pedigree Leichte Verdauung für große Hunde:
„Getreide (mind. 4% Reis, mind. 4% Mais), Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (mind. 4% Geflügel im braunen Brocken), Öle und Fette (mind. 0.27% Fischöl, mind. 0.2% Sonnenblumenöl), Mineralstoffe, pflanzliche Nebenerzeugnisse (mind. 0.7% Zuckerrübenschnitzel), pflanzliche Eiweissextrakte.
Bekommt der Hund bei dieser Zusammensetzung wirklich, was er als vom Wolf abstammender Beutetierfresser braucht? Man stellt sich doch die Frage, wozu ein Hund denn „Zuckerrübenschnitzel“ benötigt? Und warum in diesem Futter hauptsächlich Getreide verarbeitet wird, wenn ein Hund doch gar keine Kohlenhydrate benötigt2 und wenn klar ist, dass Aminosäurenstruktur von Fleisch für Hunde optimaler ist als die von Getreide3? Fragen über Fragen.

Außerdem wird versprochen, dass das Futter...

„Keine künstlichen Farb- und Aromastoffe“
enthielte, denn 
„für Ihren Hund nur das Beste: Weniger ist mehr! Pedigree Hundenahrung ist frei von künstlichen Aroma- und Farbstoffen und enthält nur, was Hunde entsprechend ihrem Alter und ihrer Größe wirklich brauchen.“
Aha. An dieser Stelle muss man das Versprechen von Pedigree wirklich genau beim Wort nehmen.
„Keine künstlichen Farb- und Aromastoffe.“
Pedigree Leichte Verdauung für große Hunde enthält die Farbstoffe: Annatto und Kupfer-Chlorophyl. Das sind tatsächlich keine künstlichen Stoffe, auch wenn mal dahin gestellt sei, wozu ein Hund überhaupt Farbstoffe benötigt. Allerdings enthält das Futter auch die künstlichen (und gesundheitsschädigenden) Antioxidantien BHA, BHT und Propylgallat und außerdem den Konservierungsstoff: Kaliumsorbat (welcher in der Natur lediglich in den unreifen Früchten der Eberesche vorkommt). Ja, diese Dinge sind natürlich keine künstlichen Farb- und Aromastoffe. Die Aussage ist also richtig. Allerdings blieb in meinem Kopf  beim ersten Lesen des Versprechens hängen, dass das Futter gar keine künstlichen Zusatzstoffe enthalten würde, sondern nur Dinge, die Hunde wirklich brauchen. Natürlich ist das mein Fehler. Ich bin ja auch nur ein Verbraucher und Verbraucher lesen nicht immer alles so genau. Allerdings sei angemerkt, dass Hunde auch keine Antioxidantien und Konservierungsstoffe oder Farbstoffe benötigen. Demzufolge ist zumindest die Behauptung, dass Futter würde nur enthalten, was ein Hund wirklich braucht, aus meiner Sicht fragwürdig.


Das nächste Versprechen besagt, dass...

„Mehr Fleisch als andere Zutaten in der Dose“
zu finden seien, denn 
„Hunde lieben Fleisch - deshalb kommt bei uns mehr Fleisch in jede Dose oder Schale, als jede andere Zutat." 
Hmm. Auch hier muss der Konsument wirklich genau Lesen. IN DER DOSE! Nicht im Futter von Pedigree im Allgemeinen. Aber sämtliche Trockenfutter von Pedigree bestehen zu einem Hauptteil aus Getreide und nicht aus Fleisch. Ein Blick auf die Deklaration lässt dies sofort erkennen: Getreide steht immer an erster Stelle. Abgesehen davon enthält jedes der Pedigree-Produkte nicht Muskelfleisch, sondern stets „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse“. Nun, unter diesem Begriff versteht der Gesetzgeber „Warmblütige Landtiere oder Teile davon, frisch, gefroren, gekocht, säurebehandelt oder getrocknet“ - also von der Lende bis zur Harnblase alles. Ich frage mich, wie viel Muskelfleisch im dem Futter wohl enthalten ist? 1 kg Trockenfleisch kostet ca. 6,50 Euro. Wie viel Fleisch könnte wohl in einem Futter enthalten sein, welches ca. 2,00 Euro pro Kilo kostet?

Es wird auch versprochen, dass das Futter...

„Von Tierärzten entwickelt“
 ...worden sei und im Forschungsinstitut WALTHAM entsprechend getestet worden wäre. Ja, das ist natürlich richtig. Als einer von drei Futtermittelherstellern führt MARS (neben Procter & Gamble und Colgate-Palmolive) Tierversuche in Versuchslabors an Hunden und Katzen durch. Die Tatsache, dass ein Futtermittelhersteller Tierversuche durchführt und diese noch aus Marketinggesichtspunkten ausschlachtet, ist aus meiner Sicht äußerst fragwürdig. Andere Futtermittelhersteller zeigen, dass man Hundefutter auch sehr gut ohne Tierversuche herstellen kann.

Außerdem, dass....

„Das Fleisch… nur Proteine bester Qualität“
enthielte und...
 „Alle unsere Produkte enthalten hochwertiges Fleischeiweiß.“ 
Siehe oben: tierische Nebenerzeugnisse.

Versprochen wird auch, dass die...

„Rückverfolgbarkeit“ 
des verwendeten Fleischs gegeben ist, sodass es vom 
„Bauernhof von dem es ursprünglich stammt“ 
zurückverfolgt werden kann. Kein Wunder. Es scheint aufgrund der großen Getreidemengen doch so wenig Fleisch in dem Futter enthalten zu sein, dass das kein Problem darstellen sollte ;-)

... und letztendlich noch, dass nur...

„Fleisch von Produzenten, die auch für menschlichen Verzehr liefern“ 
verarbeitet wird. Genau, weil Menschen so gern tierische Nebenerzeugnisse zu sich nehmen. Bon Appetit!

Die gesamte Website von Pedigree zu analysieren würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Aber bereits die genannten Aspekte genügen völlig, um zu erkennen, dass MARS alles dafür tut, um seine Marken in unseren Köpfen zu verankern. Aber tut das Unternehmen auch wirklich viel dafür, ein wirklich gutes Futter herzustellen? Die Frage muss sich jeder selbst beantworten.

Eine Sache noch: Neben den vielen Versprechen des Süßwarenherstellers hält der Schuster, der nicht bei seinem Leisten bleiben will, aber auch noch einige wertvolle Tipps für den Hundehalter bereit:
„Fehler bei der Ernährung von Hunden“
„Rohes Fleisch kann Krankheitserreger enthalten. Insbesondere über rohes Schweinefleisch kann das Virus der Aujeszkyschen Krankheit, die beim Hund stets tödlich verläuft, übertragen werden. Aber auch in rohem Fisch, Rind- und Geflügelfleisch können Erreger wie Salmonellen und Wurmlarven stecken. Da diese erst bei sehr hohen Temperaturen abgetötet werden, darf Fleisch nie roh verfüttert werden.“
>> Siehe hierzu BARF-Mythos #3
„Wer seinem Hund Knochen gibt, riskiert gleich mehrere Gefahren. An einem Knochen können sich Hunde regelrecht die Zähne ausbeißen. Außerdem gelangen die runtergeschluckten Knochen oft gar nicht in den Darm, sondern werden wieder erbrochen. Scharfe Knochensplitter sind in der Lage, den Rachenraum und den Magen-Darm-Kanal erheblich zu verletzen.“
Ahh ja. Und wie überleben wild lebende Kaniden den Genuss von Knochen? Wir hielten früher Hühner. Die wurden manchmal trotz, dass sie keine Gänse waren, vom Fuchs (Überfamilie: Hundeartige) gestohlen, der sie mit Haut und Haar (ähh Feder) samt ihrer Knochen verspeiste. Es ist ganz offensichtlich stark davon auszugehen, dass diese Füchse an ihrer natürlichen Nahrung verendet sind. Spaß beiseite: Knochen zählen zur natürlichen Nahrungsquelle von Fleischfressern. Über den Verzehr von Knochen wird u.a. der Calciumbedarf gedeckt. Selbst fleischfressende Tierkinder fressen schon Knochen. Allerdings: Sie fressen rohe Knochen! Während des Kochprozesses werden Knochen nämlich porös. Sie splittern dann beim Verzehr und können Hunde wirklich verletzten. Man darf Hunden niemals (!) gekochte Knochen geben. Diese können lebensgefährlich sein. Es spricht jedoch nichts gegen rohe Knochen, sofern der Hund daran gewöhnt ist. Übrigens sind Knochen auch in "tierischen Nebenerzeugnissen" enthalten ... das nur am Rande.

Außerdem werden im „Extra-Tipp“ geringe Mengen Zucker für Hunde empfohlen und es wird darüber philosophiert, dass „Futter aus der Hand für Hund und Mensch als positiver Körperkontakt empfunden wird…“ und daher „Hunde Futter.. [annehmen], das sie normalerweise nicht fressen würden und das ihnen auch nicht gut tut.“ Ähm… für Hunde ungeeignetes Futter wie z. B. Unmengen an Getreide, Zuckerrübenschnitzel und Antioxidantien wie BHT und BHA vielleicht….?

Ich bin kein Veterinär. Ich bin kein Ernährungsphysiologe. Ich bin BWLer. Man könnte leicht meinen, ich solle gefälligst bei meinem Leisten bleiben und mir keine Meinung über ein Hundefutter bilden. Diese schon gar nicht im Internet verbreiten. Aber offensichtlich sind sogar einem Laien wie mir einige Dinge auf der Website aufgefallen, die Fragen offen lassen. Man kann es nicht oft genug sagen: Augen auf beim Hundefutterkauf!

_____________
1 Meyer/Zentek (2005): Ernährung des Hundes, S. 1.
2 Grünbaum/Schimke (2006): Klinik der Hundekrankheiten, S. 111
3 Meyer/Zentek (2005): Ernährung des Hundes, S. 100 - 105.

Kommentare

  1. sie werden aktuell bei facebook zitiert und weiter geleitet. Daumen hoch.

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  2. Vielen DANK für diese tollen Berichte SUPER !!!!
    Ich werde diese Seite Weiterempfehlen für alle die nicht wissen was sie füttern sollen !!!!!!!!

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  3. Super! Wenn ich den Artikel meiner Mum zeige glaubt sie mir sicher endlich dass das ungesund ist was sie da immer in meinen Hund stopft wenn er bei ihr ist. Toll geschrieben!

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  4. "... und letztendlich noch, dass nur...
    „Fleisch von Produzenten, die auch für menschlichen Verzehr liefern“
    verarbeitet wird. Genau, weil Menschen so gern tierische Nebenerzeugnisse zu sich nehmen. Bon Appetit!"

    -> Das ist aber nicht gelogen - und wieder eine Marketingstrategie..! Bei dem Satz ist davon auszugehen, dass das Fleisch von einem Produzenten stammt, der auch Fleisch für den menschlichen Verzehr liefert. Denn auch diese Aussage muss man wörtlich nehmen. Mag ja sein, dass der Produzent auch für den Menschen "liefert"(!), aber das, was im Tiernapf landet ist somit vermutlich nur das Abfallprodukt, was für Menschen nicht genutzt würde. Es ist ja schließlich nicht die Rede davon, dass es Fleisch ist, das für den menschlichen Verzehr geeignet ist (obwohl das wahrscheinlich auch entsprechend ausgelegt werden würde, wenn man sich die Essgewohnheiten mancher Menschen / Kulturen etc. so anschaut). Aber ich hoffe, es wird klar, was ich meine! ;)

    Als Kind - naiv wie ich war - hielt ich Pedigree für gutes Futter und habe mir fest vorgenommen, meinem Hund mal Pedigree zu füttern, wenn ich mal einen habe. Ich bin schließlich davon ausgegangen, dass man nicht lügt. Und das scheint es ja schon so lange zu geben - muss ja gut sein!
    ... Bloß gut, dass ich mich dann vor der Hundeanschaffung mit dessen Ernährung näher beschäftigt habe und momentan Hundeernährung studiere.

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  5. Sehr schöner Artikel. Es ist wirklich schade, wieviele Konsumenten sich Inhaltsstoffe im Futter oder auch in Fertigprodukten für Menschen nicht genau anschauen, sondern immer drauf los kaufen!!!!

    Gerade durch diese Produkte bekommen ja auch Tiere inzwischen die berühmten Volkskrankheiten, wie Diabetes, Allergien, Schildrüsenfehlfunktionen..........

    Vielen Dank für diese Aufklärung

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